obstbauberatung

 

Streuobst

In Baden-Württemberg stehen derzeit noch ungefähr 10 Millionen hochstämmige Obstbäume auf einer Fläche von 100 000 Hektar. Jeder zweite Streuobstbaum in Deutschland steht in Baden Württemberg.


VBOGL Logo

Die ehemaligen staatlichen Beratungsstellen in Ulm und Schwäbisch Hall

 

 

Günter Schwarz, Remseck


Ein sachgerechter Rückblick auf die behördliche Förderung des Obst- und Gartenbaues schließt unabdingbar die Erwähnung der ehemaligen Staatlichen Gartenbauberatungsstellen Schwäbisch Hall und Ulm a.d. Donau in sich ein.

Die Tätigkeit dieser beiden Institutionen bewegte sich wie die der Kreisobstbauberatungsstellen auf praxisnaher Ebene, wobei mit letzteren eine enge und kollegiale Zusammenarbeit bestand. Naturgemäß ergab sich auch ein vielseitiges Zusammenwirken mit weiteren Dienststellen des Obst- und Gartenbaues, der Obstbauwissenschaft und den einschlägigen Berufs- und Fachorganisationen. Die staatlichen Gartenbauberatungsstellen nahmen dabei eine Mittlerfunktion zwischen Wissenschaft und Praxis wahr.

Als Teil der staatlichen Landwirtschaftsverwaltung unterstanden die beiden staatlichen Gartenbauberatungsstellen der Abteilung Landwirtschaft und hierin dem Sachgebiet Obst- und Gartenbau des Regierungspräsidiums Nordwürtemberg.

Ihre Aufgabe, gemeinsam mit den Kreisobstbauberatungsstellen das obstbauliche Geschehen richtunggebend-koordinativ und unterstützend im Sinne der Verwirklichung der staatlichen Förderungskonzepte positiv zu beeinflussen, haben die staatlichen Gartenbauberatungsstellen während der jahrzehntelangen Dauer ihres Bestehens zu großem Nutzen für den einheimischen Obstbau erfüllt. Als herausragendes Beispiel für solche staatlichen Förderungsprogramme sei hier vor allem der bedeutsame „Generalplan für die Neuordnung des Obstbaues in Baden-Württemberg“ genannt, dessen Laufzeit in die Jahre 1957 bis 1969 fiel und zu dem alle mit dem Obstbau befaßten Stellen des Landes sowie der Obstbaupraxis das ihnen Mögliche beigetragen haben.

Obstbaumlehrkurs

Obstbaulehrkurs in Ulm, 1951
mit Gartenbaurat Anton Hiller (2. v.l)
und Gartenbaurat Friedrich Wenck (r)

Besondere Aufgaben der Staatliche Gartenbauberatungsstelle

Die speziellen Aufgabenbereiche der Gartenbauberatungsstellen betrafen fast ausschließlich den Obstbau und bestanden in der Ausbildung, der Versuchsanstellung, der Beratung und in der Mitwirkung bei Anerkennungen von Baumschulen und Erdbeervermehrungsbetrieben. Darüber hinaus wurden gutachterliche Tätigkeiten wahrgenommen.

Die Baumwartausbildung

Zweifellos ein besonderer Schwerpunkt war die Ausbildung von Baumwarten in zwölfwöchigen Baumwartlehrgängen und 2-wöchigen Vorbereitungslehrgängen mit anschließender staatlicher Baumwartprüfung. Die Lehrgänge fanden nach Bedarf entweder ortsständig am jeweiligen Dienstsitz oder, seit 1923, zusätzlich auch als Wanderbaumwartlehrgänge an auswärtigen Orten in Zusammenarbeit mit den dort zuständigen Kreisobstbauberatungsstellen statt.

Für die Baumwartausbildung waren die Gartenbauberatungsstellen geradezu spezialisiert. Die Lehrgänge erfreuten sich bald nach ihrer Aufnahme eines guten Rufes und eines entsprechend großen Andrangs. Nach und nach gelang es auf diese Weise, dem württembergischen Obstbau eine große Zahl fachlich geschulter Kräfte zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe die obstbaulichen Probleme in der Praxis bewältigt und die Entwicklung des Obstbaus entscheidend gefördert werden konnten. Die Baumwartausbildung war praxisnah und deshalb besonders praxiswirksam. Begleitender Unterricht, der etwa ein Viertel der Gesamtzeit eines Lehrgangs in Anspruch nahm, vermittelte die erforderlichen theoretischen Grundlagen.

Für die Qualität dieser Ausbildung war es von besonderem Wert, daß die praktischen Übungen der Lehrgänge in Schwäbisch Hall und Ulm zu einem bedeutenden Teil in solchen Obstanlagen stattfanden, die durch die Gartenbauberatungsstellen selbst unmittelbar und beispielhaft bewirtschaftet und betreut wurden und über die verläßliche Daten und Beobachtungen zur Verfügung standen. Da sich jeweils ein Unterrichtsraum nahe bei den Obstanlagen befand, konnte bei Schlechtwetter sofort auf diesen ausgewichen werden.

Für die zahlreichen Kurzlehrgänge, praktischen Unterweisungen und Demonstrationen für Obstselbstversorger und Gartenbesitzer sowie für die Erteilung von Obstbauunterricht an Landwirtschaftsschulen und anfangs auch an Berufsschulen lagen die gleichen oder ähnlichen günstigen Bedingungen vor.

 

Anton Hiller

Friedrich Wenck

Karl Englert

Anton Hiller
Beratungsstelle Ulm
1951 bis 1955

Friedrich Wenck
Beratungsstelle Ulm
1921 bis 1951

Karl Englert
Beratungsstelle
Schwäbisch Hall
1952 bis 1972


Die Beratungsstelle in Ulm

Die staatliche Gartenbauberatungsstelle Ulm wurde im Jahr 1910 als Stelle eines Landessachverständigen für Obstbau durch die Königliche Zentralstelle für die Landwirtschaft in Stuttgart gegründet. Der Dienstsitz Ulm a.d. Donau erschien damals als geeigneter geographischer Mittelpunkt zur fachlichen Betreuung sowohl des Oberlandes bis zum Bodensee als auch Zentralwürttembergs und des Unterlandes.

Dienststellenleiter waren Landesobstbauinspektor Hugo Winkelmann von 1910 bis 1921, Gartenbaurat Friedrich Wenck von 1921 bis 1951, Gartenbaurat Anton Hiller von 1951 bis 1955 und Regierungslandwirtschaftsoberamtmann Günter Schwarz von 1955 bis 1972.

Der Dienststelle war der 1913 angelegte, zunächst 60 Ar umfassende, später auf fast drei Hektar erweiterte und ab 1962 auf rund zwei Hektar reduzierte staatliche Lehrgarten Ulm angeschlossen.

Die Beratungsstelle in Schwäbisch Hall

Die staatliche Gartenbauberatungsstelle Schwäbisch Hall bestand seit 1922 zunächst in Kupferzell, von wo aus sie im Jahre 1939 nach Schwäbisch Hall verlegt wurde. Von der Gründung an bis 1951 stand sie unter der Leitung von Gartenbaurat Wilhelm Schweitzer und von 1952 bis 1972 von Gartenbauoberamtsrat Karl Englert.

Zu den Aufgaben gehörte unter anderem auch die Betreuung der im Jahre 1940 auf Veranlassung der Friedrich-Wilheim-Universität in Berlin (Prof. Erich Maurer) angelegten, 5,5 Hektar großen Apfelunterlagenversuchsanlage Heimbach bei Schwäbisch Hall nebst weiterer bedeutender Versuchs- und Samenspenderanlagen.

Aufhebung der Dienststellen

Im Zuge der Verwaltungsreform wurden die beiden Gartenbauberatungsstellen im Jahre 1972 aufgehoben. Sie teilten damit das Schicksal zahlreicher anderer Dienststellen im Lande. Die Zeit, in der die staatlichen Gartenbauberatungsstellen als typische Einmanndienststellen mit einem Mindestaufwand an Kosten und mit größtmöglicher Effizienz ihren äußerst fruchtbaren Beitrag für den Obstbau leisteten, jene Pionierzeit und die anschließende Aufbruchszeit im Zeichen des Generalplans für die Neuordnung des Obstbaues in Baden-Württemberg, war abgelaufen. Durch das Berufsbildungsgesetz wurde die Ausbildung im Obstbau 1969 neu geregelt. Die Baumwartausbildung in der alteingeführten Form wurde deshalb im Jahr 1972 eingestellt.

Um aber dem weiterhin bestehenden, dringenden Bedarf an obstbaulichen Fachkenntnissen Rechnung zu tragen, wurde im Regierungsbezirk Stuttgart ein dreistufiges obstbauliches Ausbildungsprogramm im Rahmen der berufsbezogenen Weiterbildung eingerichtet. Es gliederte sich in den einundzwanzigtägigen Grundlehrgang, dreitägige Aufbaulehrgänge und eintägige Fortbildungsveranstaltungen.

Auf den Erfahrungen mit der bewährten Baumwartausbildung aufbauend, paßte sich dieses Programm flexibler an die sich ständig wandelnden, neuen Gegebenheiten und Erfordernisse an und erfuhr gute Resonanz. Es wurde bis Winter 1991/1992 am Landwirtschaftsamt Ludwigsburg fortgeführt.

Die Beratung wurde weitgehend durch die Kreisobstbauberatungsstellen übernommen. Das Versuchswesen wurde wegen der gestiegenen Anforderungen auf weitaus besser ausgerüstete Institutionen, wie die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg und die Universität Hohenheim mit ihrer Außenstelle Bavendorf übertragen.



© Günter Schwarz
Dieser Beitrag ist dem Buch "Vom Kreisbaumwart zum Fachberater für Obst- und Gartenbau" in gekürzter Fassung entnommen.

nach oben nach oben    Druck Druckversion