obstbauberatung

 

Streuobst

In Baden-Württemberg stehen derzeit noch ungefähr 10 Millionen hochstämmige Obstbäume auf einer Fläche von 100 000 Hektar. Jeder zweite Streuobstbaum in Deutschland steht in Baden Württemberg.


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Düngung im Streuobstbau


Ergebnisse von Bodenuntersuchungen in Nordwürttemberg

 

Seit einigen Jahren wird vermutet, eine mangelhafte Nährstoffversorgung könnte mit verantwortlich sein für den schlechten Gesundheitszustand vieler Obstbäume im Streuanbau. Umfangreiche Bodenprobenaktionen in den Landkreisen Göppingen und Ludwigsburg stützen diese These.

Der Zustand der Bäume in vielen Streuobstwiesen Baden-Württembergs hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Hauptursachen sind meistens eine ungenügende bzw. falsche Baumpflege und die Überalterung der Bestände. Die Trockenjahre 2003 und 2004, die nachfolgenden Jahre mit ihren langen und teilweise strengen Wintern und schließlich die Frostspannerschäden 2005 und 2006 haben die Obstbäume zusätzlich geschwächt.

Neben diesen bekannten Ursachen wurde in den vergangenen Jahren immer häufiger vermutet, dass auch eine unzureichende Nährstoffversorgung in den Obstwiesen mit verantwortlich für den schlechten Gesundheitszustand der Bäume sein könnte. Entsprechende Hinweise gab es z.B. in der Zeitschrift „Obst- und Garten“ in Artikeln von Dr. W. Hartmann (OuG 3/2004 und 9/1999). Bislang wurden aber Streuobstwiesen kaum einer Nährstoffuntersuchung unterzogen und es wurden fälschlicherweise Ergebnisse aus dem Erwerbsobstbau oder aus Kleingärten auf Streuobststandorte übertragen.

Im Jahr 2003 wurden erstmals gezielt Streuobstwiesen beprobt und auf Grundnährstoffgehalte untersucht. Diese Aktion wurde von der Obstbauberatungsstelle des Landratsamtes Göppingen angeregt und in Zusammenarbeit mit den Obst- und Gartenbauvereinen durchgeführt. Mit dieser Bodenprobenaktion konnten erstmals konkrete Daten über den Versorgungsgrad in Streuobstwiesen vorgelegt werden. Beprobt wurden Göppingen insgesamt 114 Standorte. Als Ergebnis wurde festgestellt, dass ein unerwartet hoher Prozentsatz der untersuchten Böden mit den Hauptnährstoffen Phosphor und Kali zum Teil sehr stark unterversorgt war.

Eine vergleichbare Bodenprobenaktion wurde im Jahr 2005 im Landkreis Ludwigsburg durchgeführt. Hier wurden 161 Streuobststandorte untersucht. Wegen der guten Böden im Neckarbecken fiel das Ergebnis etwas besser aus als in Göppingen. In der Tendenz wurde aber auch hier ein gewisser Unterversorgungsgrad festgestellt.

Gehaltsklassen Phosphat

Grafik 1: Gehaltsklassen bei Phosphat

Die Einteilung der Nährstoffe erfolgt üblicherweise in Gehaltsklassen. Je nach Untersuchungslabor kann die Einteilung etwas unterschiedlich ausfallen. Da die Unterscheidung zwischen den Klassen A und B bzw. C und D von untergeordneter Bedeutung ist, wurden die Klassen hier zusammengefasst.

Klasse A = zu geringe Nährstoffgehalte,
Klasse C = anzustrebende Nährstoffgehalte,
Klasse E = überhöhte Nährstoffgehalte.

Normal sind Nährstoffgehalte in folgender Größenordnung
Stufe C
10 bis 15 mg Phosphor
10 bis 25 mg Kali
15 bis 25 mg Magnesium

Im Kreis Göppingen wurde bei der Phosphatuntersuchung festgestellt, dass eine große Anzahl von Standorten mit Phosphor unterversorgt sind. Insgesamt 75 % der Proben wurden den Gehaltsklassen A und B zugeordnet. Auch der Grad der Unterversorgung ist besorgniserregend. In sehr vielen Proben aus Göppingen wurden z.B. Phosporgehalte in der Größenordnung von nur 1 bis 2 mg Phosphor festgestellt. 7 Proben hatten Phosphorgehalte von unter 1 mg, der niedrigste Wert lag bei 0,3 mg. Dies ist 1/50 des anzustrebenden Wertes.

Sollwerte Phosphat

Grafik 2: Phosphat in Obstbau: Sollwerte und Minimalwerte

Im Kreis Ludwigsburg fallen die Ergebnisse auf Grund der meist ausreichend fruchtbaren Böden im Neckarbecken und an den Keuperstufenrändern etwas besser aus. Dennoch sind auch hier 40 % der Streuobststandorte nicht ausreichend mit Phophor versorgt (s. Grafik 1).

Ähnlich ist die Situation auch bei Kali. In Göppingen schwanken die Kaligehalte zwischen 1,7 mg und 106 mg / 100 g Boden, wobei der letzte hohe Wert ein Ausreißer ist, denn der zweithöchste Wert liegt bei nur 51 mg / 100 g Boden. Insgesamt sind 67 % der Böden mit Kalium unterversorgt, während 33 % einen anzustrebenden bzw. einen etwas zu hohen Nährstoffgehalt aufweisen.

Im Kreis Ludwigsburg waren etwas mehr als die Hälfte (51 %) der Standorte ausreichend mit Kali versorgt. 14 % hatten zu hohe Gehalte und 35 % der Standorte war unterversorgt.

Gehaltsklassen Kali

Grafik 3: Gehaltsklassen bei Kali

Bei der Untersuchung auf Magnesium im Kreis Göppingen ergab sich folgendes Bild: 32 % der untersuchten Standorte waren ausreichend versorgt; der Anteil der Standorte mit Unterversorgung lag mit 68 % im ähnlichen Bereich wie die Ergebnisse bei Phosphor und Kali. Die gemessenen Mg-Werte lagen zwischen 1,7 und 21 mg/100 g Boden.

Ein völlig anderes Bild ergab die Magnesium-Untersuchung im Kreis Ludwigsburg. Nur 4 % der untersuchten Standorte lagen in der Versorgungsstufe A. 61 % der Proben wiesen normale Mg-Gehalte auf und in 35 % der Proben war der Mg-Gehalt zu hoch. Auch im Vergleich zu anderen Bodenuntersuchungen aus dem Kreis Ludwigsburg (z.B. im Rahmen von Untersuchungen in landwirtschaftlichen Betrieben, im Weinbau oder auch in Hausgärten) sind die gemessenen Mg-Gehalte ungewöhnlich hoch. Ob die standörtlichen Verhältnisse hier ausschlaggebend waren oder ob sich Fehler bei der Bodenprobenahme (z.B. bei der Probentiefe) ausgewirkt haben, ist letztlich nicht bekannt.

 

Düngungsmaßnahmen, Grünlandpflege durch die Baumbesitzer

Durch Düngungsmaßnahmen sind einseitig erhöhte Einzelwerte aber kaum zu erklären. Darüber hinaus wurde von den meisten Streuobstbesitzern im Kreis Ludwigsburg angegeben, dass die Bäume praktisch nicht gedüngt werden. Die Fragebogenaktion, die parallel zur Bodenuntersuchung im Kreis Ludwigsburg durchgeführt wurde ergab folgendes:

Umfrageergebnisse

Grafik 4: Häufigkeit der Düngung; Ergebnis der Umfrage

Natürlich hat auch der Nährstoffaustrag einen erheblichen Einfluss auf den Versorgungsgrad der Streuobststandorte. Der Nährstoffentzug durch eine Nutzung des Unterwuchses ist hier deutlich höher als der Nährstoffaustrag durch die Obsternte und die Abfuhr des Schnittholzes. Insofern ist es von Interesse, wie weit der Unterwuchs überhaupt noch abgefahren und genutzt wird. Die Fragebogenaktion im Kreis Ludwigsburg erbrachte hier folgendes Bild: Die meisten Grundstücksbesitzer (= ca. 62 %) mähen 1 bis 2 mal jährlich (Balkenmäher, Mulchmäher), in 36 % wird öfter als 2 mal pro Jahr gemäht. In den übrigen Fällen werden die Grundstücke derzeit überhaupt nicht gepflegt. Laut Fragebogen wird das Mähgut auf 45 % der Flächen abgefahren.

Entzugszahlen

Grafik 5: Entzugszahlen für Baumobst und Grünland
nach verschiedenen Literaturangaben


Zusammenfassung und Diskussion

In Göppingen sind es rund zwei Drittel der Standorte, die mit Hauptnährstoffen (Phosphor, Kali, Magnesium) unterversorgt sind. Im Kreis Ludwigsburg sind die Ergebnisse auf Grund der günstigen standörtlichen Verhältnisse etwas besser ausgefallen. Trotzdem sind noch ca. ein Drittel der Standorte in der Versorgungsstufe A. Bedenklich sind die teilweise sehr niedrigen Werte, die v.a. in Göppingen gemessen wurden: nur 0,3 mg Phosphat bzw. nur 1,7 mg Kali / 100 g Boden.

Kali reguliert den Wasserhaushalt der Pflanze und ist beteiligt am Energiestoffwechsel und am Aufbau von pflanzeneigenem Eiweiß und von Kohlenhydraten. Die Folgen von Kalimangel sind: erhöhte Krankheits- und Stressanfälligkeit, erhöhte Trockenheitsanfälligkeit sowie Qualitätsmängel bei den Früchten (Haltbarkeit, Inhaltsstoffe, Fruchtgröße). Phosphormangel spielt nach heutigem Kenntnisstand keine wesentliche Rolle im Obstbau. Ob ein über Jahre währender latenter Mangel dieses Hauptnährstoffs aber nicht doch Folgen für Obstbäume und Obstwiese haben könnte, ist derzeit nicht bekannt.

Streuobstwiesen werden in der heutigen Zeit kaum noch, bzw. nur sehr selten gedüngt. Die niedrigen Nährstoffgehalte sind vermutlich durch einen über viele Jahre währenden Nährstoffaustrag (hauptsächlich durch die Grasnutzung) entstanden. Da ein derartiger Mangel nicht von heute auf morgen ausgeglichen werden kann, wird es vermutlich Jahre dauern, die Versorgungsstufen einzelner Standorte wieder anzuheben. Ob dies auf Grund der damit verbundenen Kosten und der Arbeit überhaupt geschieht, ist ohnehin fraglich.

Die meisten Streuobstprojekte und Apfelsaftinitiativen schreiben den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger vor. In Streuobst-Pflegeprojekten vieler Gemeinden wird der Verzicht auf Mineraldünger durch Pflegegelder bezuschusst. Natürlich ist es prinzipiell möglich, auch auf organischer Basis zu düngen. Es ist aber deutlich schwieriger, wenn nicht sogar fast unmöglich, einen Standort mit biologischen Düngemitteln von Stufe A auf Stufe C aufzudüngen.

Für den Artenreichtum einer Obstwiese ist in erster Linie die Höhe der Stickstoffdüngung verantwortlich. Bei zu hohen Stickstoffgehalten werden Gräser gefördert; die wertvollen zweikeimblättrigen Blütenpflanzen werden zurückgedrängt. Mit dem Verlust der artenreichen Wiesen, nimmt auch die Vielfalt der tierischen Lebewesen ab. Eine vernünftige Versorgung der Obstwiese mit den Hauptnährstoffen Phosphor, Kali, Magnesium hat aber praktisch keinen Einfluss auf die Artenvielfalt der Obstwiese.

Neben der ökologischen Bedeutung der Streuobstwiesen sollten die Gesundheit und die Funktion der Bäume als Lieferant für Tafel- und Wirtschaftsobst nicht völlig vernachlässigt werden. Gesunde und leistungsfähige Bäume im Streuobst sind Voraussetzung für den Fortbestand dieser einmaligen Landschaftselemente. Bevor z.B. über Vorgaben oder Einschränkungen bei der Düngung entschieden wird, sollten die betreffenden Standorte untersucht werden. Eine Grunduntersuchung kostet unter 10 Euro. Dieses Geld ist in jedem Fall gut angelegt.



© Peter Düngen, LRA Göppingen (Text) und Günter Plonka, LRA Ludwigsburg (Text und Grafik)

Anm.: Der Hauptnährstoff Stickstoff wird auf Grund seiner Mobilität im Boden nicht im Rahmen der Grunduntersuchung auf Hauptnährstoffe erfasst. Eine separate Stickstoffuntersuchung ist hauptsächlich in Ackerbau- und Gemüsekulturen sinnvoll, nicht jedoch in mehrjährigen Obstbaukulturen.

Anm.: Die Ergebnisse der Bodenuntersuchungen im Kreis Ludwigsburg sind im Internet unter www.landkreis-ludwigsburg.de als Broschüre im PDF-Format abrufbar:

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